Kleine Stilkunde (Texte und Bilder sind aus technischen Gründen noch nicht vollständig formartiert bzw. implementiert) 

 

 

„Der Stil einer Zeit bedeutet nicht besondere Formen in irgendeiner besonderen Kunst; jede Form ist nur eines der vielen Symbole des inneren Lebens, jede Kunst hat nur teil am Stil. Der Stil aber ist das Symbol des Gesamtempfindens, der ganzen Lebensauffassung einer Zeit, und zeigt sich nur im Universum aller Künste.“

Peter Behrens „Feste des Lebens und der Kunst“, Jena 1900

 

 

 

Barock (ca. 1600 – 1750)

 

Ausgehend von Italien Ende des 16. Jahrhunderts wird im 17. und 18. Jahrhundert das Barock in Gesamteuropa zum prägenden Kunststil. Hauptförderer und Protagonisten dieses Stils werden die (katholische) Kirche sowie die absolutistisch regierenden Fürsten. Der französische König Ludwig XIV. (1653-1715) gilt als ideale Verkörperung eines absoluten Herrschers. Sein Hof in Versailles wird zum stilbildenden Vorbild für viele europäische Fürsten. Ausgehend von Italien und Frankreich entstehen in Europa regionale, teils eigenständige barocke Stilausprägungen.

 

Der repräsentative Anspruch barocker Kunst äußert sich in einem Formenschatz, der klassische Stilelemente der Renaissance übersteigert und fortführt. Neue Möbeltypen des Barock sind Kommoden und Schränke, die die Truhe ersetzen sowie Stühle und Konsolentische in den Empfangszimmern der Schlösser. Barock bleibt als Architekturstil in variierter Form bis 1750/70 prägend, während sich in Malerei und Dekorationskunst ab 1715/20 mit dem Regencé oder Bandelwerkstil der Übergang zum Rokoko ankündigt.

 

Formensprache: Ausgreifende kurvige Formen dominieren barocke Architektur und barocke Möbelkunst und ersetzen die ausgewogene Geradlinigkeit der an der klassischen Architektur orientierten Renaissance.

 

Charakteristische Stilelemente:

  1. Das Frühbarock (ca. 1600 – 1650): Kennzeichen ist vor allem der so genannte „Knorpel- oder Ohrmuschelstil“, bei dem knorpelartig verdichtete Ornamentformen, Maskaronen und groteske Motive als typische Merkmale hervortreten. Weitere Merkmale des Frühbarocken Möbelstils sind Wellen- und Flammleisten.
  2. Ab etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts werden diese frühen Formen durch vegetabile Motivik wie Blumen, Blatt- und Blütenranken sowie Fruchtgehänge ersetzt. Eine weitere Bereicherung des Formenschatzes stellt die seit etwa 1680 verfolgbare Aufdoppelung von Kassetten- oder Kissenfeldern dar. Akanthusornamentik und Volutenformen gewinnen an Bedeutung.
  3. Prächtige Einlegearbeiten in der Möbelkunst aus verschiedenen Materialien (z. B. Messing, Zinn, Elfenbein, Schildpatt, Edelhölzer)
  4. Figürlich goldfarbige Bronzebeschläge, z. B. Putten, Fabelwesen

 

Abbildungen: 18888-618, 18888-621, 18888-664, 18594-1

 

 

 

Rokoko (ca. 1730 - 1770)

 

Der Begriff Rokoko leitet sich vom französischen Wort „rocaille“ = Muschel ab. Während der Barock weiterhin in der Architektur nachwirkt, entwickelt sich das Rokoko hauptsächlich zum Ausstattungsstil einer einheitlich konzipierten Raumdekoration. Die reiche Ornamentik verbreitet sich durch graphische Vorlagenwerke aus Frankreich und findet in der Gestaltung des Kunstgewerbes Anwendung.

 

Der Zeitraum des Rokoko umfasst etwa die Regierungsperiode des französischen Königs Louis XV. (1723-1774) sowie die Phase der beginnenden Aufklärung. Ausgehend von Frankreich verbreitet sich das Rokoko in Europa und bildet vor allem in den deutschen Ländern eigene Zentren aus. In England behält die Stilphase eine Sonderform, die durch die Entwürfe und Möbel von Thomas Chippendale gekennzeichnet wird. Die Porzellankunst erfährt sowohl in der figürlichen Gestaltung als auch im malerischen Dekor in der Zeit des Rokoko ihre erste Blüte. Der Figurenstil von J. J. Kändler (Meißen) und J. A. Bustelli (Nymphenburg) ist ein typisches Produkt des Rokoko. Die Stilprotagonisten sind nun neben den Fürsten und der Kirche der Adel und das städtische (Handels-) Bürgertum. Die barocke Lust an öffentlicher Repräsentation tritt zugunsten einer stärker betonten Intimität zurück.

 

Formensprache: Die Muschel mit ihrer Asymmetrie und den formgebenden S- und C-Schwüngen wird zu dieser Zeit das prägendste Schmuckelement in der Kunst des Rokoko. Volkstümliche Möbel in ländlichen Gebieten Europas behalten häufig weiterhin die dem Barock eigenen Gliederungen (z.B. norddt. Eichenmöbel des 18. Jh.). Hier wird auch das Problem einer klaren Trennlinie zwischen Barock und Rokoko deutlich.

 

Charakteristische Stilelemente:

  1. Einsatz der Rocaille (Hauptmotiv des Rokoko) in teils fantasievoller Verknüpfung mit naturalistischen und figürlichen Elementen, u. a. auch aus dem Bereich der Gartenkunst (z. B. Gitterwerk, Rankenwerk)
  2. Große Fülle an Einzelformen und Motivkombinationen, oftmals fließende, wuchernde oder sprühenden Ornamente, die die Fläche auflösen (Spiel mit räumlicher Illusion).
  3. Ecken und Winkel werden durch Rundungen vermieden.

Abbildungen: 18844-2, 18844-15, 167825, 18844-7, 19320-1

 



Klassizismus (ca. 1780 – 1845)


Die Bezeichnung „Klassizismus“ drückt den Wunsch der Epoche aus, sich an den klassischen antiken Vorbildern zu orientieren und diese bewusst nachzuahmen. Die Antike wird vielfach auch als Veredelung der Natur wahrgenommen und damit als höchstes Kunstideal propagiert. 


Verschiedene zeitgenössische Quellen nehmen dabei großen Einfluss auf die Strömung des Klassizismus: In Deutschland beeinflussen Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) und Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) die Philosophie der Aufklärung. Gekennzeichnet ist die Epoche auch durch ihre radikale Absage an Feudalismus und Absolutismus zugunsten bürgerlicher Tugenden und Ideale.  


Der Begriff Klassizismus umfasst die Stilphasen: Louis XVI. (Frankreich), Zopf (Deutschland), Empire, Biedermeier (Deutschland) und Regency (England).

 

Louis XVI. (ca. 1774 – 1792)

  • Französischer Früh-Klassizismus: die Frühphase beginnt bereits um 1750 („Transition“) und wird wie die französischen Stile zuvor mit der Regentschaft des jeweiligen Königs (Ludwig XVI.) zeitlich und begrifflich gekennzeichnet.


Formensprache: Die Frühphase des Louis XVI.-Stils ist durch eine Mischung von Rokokostilelementen und antikisierenden Elementen gekennzeichnet. Rückkehr zur geraden Linie als begrenzender Rahmen und damit Abkehr vom Rokoko.


Charakteristische Stilelemente:

  1. Stilisierte Arabesken, Friese aus Kränzen oder Kranzgehängen, Eckrosetten
  2. Gefragte Motive für Schnitzereien und Einlegearbeiten: Bandschleifen, Füllhorn, Lyra, Vasen, sich schnäbelnde Tauben, Widderköpfe
  3. Beine und Korpus sind gerade und schlank (Möbel)
  4. Als Ornament besonders beliebt: Perlschnüre (aus Bronze gefertigt), Kreuzbänder


Abbildungen: 18277-1, 18888-1303, 166565, 167922



Empire (ca. 1790 – 1830)

  • Das Empire imitiert den Stil der französischen Kaiserzeit und gilt als der persönliche Repräsentationsstil Napoleons. Die europäischen Fürstenhäuser nutzen den Stil, um sich vom stetig selbstbewusster werdenden Bürgertum abzuheben. 

 

Formensprache: Empire demonstriert auch in der stilistischen Form imperiale Größe und Macht: Gerade Möbel werden architektonisch konstruiert und entstehen aus dem Zusammenbau geometrischer Formen. Schweifungen werden zu geometrischen Biegungen. Ebenso beeinflusst Napoleons Ägyptenfeldzug die Formensprache des Empire.

 

Charakteristische Stilelemente:

  1. Großzügige Verwendung von Gold und Messing, Füllung der Paneele mit Rankenwerk und Lotuspalmetten, korinthische Säulen, Pilaster werden als Lorbeerkränze tragende Karyatiden ausgebildet, Füße werden zu veristisch gearbeiteten Löwentatzen.
  2. Bedingt durch Napoleons Ägyptenfeldzug: Einsatz von geflügelten Fabelwesen mit Löwenhäuptern, ganzfigurige Ägypter oder Sphinxe, ägyptisch-exotische Stilmerkmale vermengen sich mit römischen Emblemen (Harnische, Helme, gekreuzte Fahnen etc.); typisch für diese Stilepoche ist auch die Entwicklung der Recamière.
  3. Der Adler, einst ein römischen Feldzeichen, wird als Emblem kaiserlicher Macht eingesetzt.


Abbildungen: 18888-307, 18888-304, 18654-3, 18888-599

 

 

Biedermeier (ca. 1815 – 1848)

  • Der Begriff Biedermeier geht zurück auf Ludwig Eichrodt und Adolf Kussmaul, die ab 1855 in den Münchener Fliegenden Blättern unter dem Namen Gottlieb Biedermaier diverse parodistische Gedichte veröffentlichten. Die fiktive Biografie des treuherzigen, aber spießbürgerlichen Menschen Biedermaiers ist als Parodie auf die Poesie des realen Dorfschullehrers Samuel Friedrich Sauters zu verstehen.
  • Biedermeier bezeichnet die Zeitspanne zwischen dem Wiener Kongress (1815) und   dem Beginn der bürgerlichen Revolution (1848) in den Ländern des Deutschen Bundes und des Kaisertums Österreich und ist somit auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Eng verbunden ist der Begriff „Biedermeier“ auch mit dem Begriff der Restauration. In der Literaturgeschichte wird der Begriff Vormärz verwendet (hier sind vor allem die Literaten Georg Büchner und Heinrich Heine zu nennen). 
  • Kulturgeschichtlich gesehen ist die Epoche Biedermeier eine Zeit des Rückzugs in das private Idyll. Dies spiegelt sich in der wachsenden Popularität der Hausmusik wider, ebenso wird zunehmend Wert auf ein gemütlich eingerichtetes Heim gelegt. Die Kunst des Biedermeiers wird dominiert von der Genre- und Porträtmalerei.       

 

Formensprache: elegante, aber schlichte Formensprache, der repräsentative Charakter des Empire tritt im Biedermeier zurück und wird zunehmend zweckmäßiger und handwerklich qualitativer. Während die Möbel eher ornamentarm gestaltet sind, wird das Kunstgewerbe zunehmend vom sich ankündigenden Historismus beeinflusst. 

 

Charakteristische Stilelemente:

  1. Ornamente: Lyra, Lorbeerkranz
  2. Betonung der Holzoberflächen mit ihren Maserungen als natürliche Schönheit des Materials
  3. Mahagoni-Holz in Norddeutschland, helle Obsthölzer oft mit schwarz kontrastierenden Profilen kombiniert in Süddeutschland und Österreich (Wien).

 

Abbildungen:  18888-193, 18888-233, 18888-232, 18329-16, 18155-107

 

 


Historismus (ca. 1845 – 1900)


Der Begriff „Historismus“ stammt aus dem Bereich der Natur- und damals noch jungen Gesellschaftswissenschaften.

 

Bereits in der Biedermeierzeit kündigt sich in der Stilsprache des Kunstgewerbes der Historismus an. Stilelemente vergangener Epochen (Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko etc.) werden nun wiederbelebt und teilweise vermischt (Eklektizismus).

 

Großen Einfluss übte dabei auch die Romantik im Bezug auf die Rückwendung bereits vergangene Epochen aus. Die Sagen- und Mythenwelt des Mittelalters inspirierte die Romantik im gleichen Maße wie die gotische Formensprache den frühen Historismus.

 

Neue Maschinen ermöglichen erstmals die industrielle Fertigung von Mobiliar und Einrichtungsgegenständen in hohen Stückzahlen. Die Erfindung der Sprungfeder oder die Möglichkeit auf vereinfachte Weise Furnier herzustellen, förderte die weite Verbreitung eines Möbels als Gebrauchsgegenstand mit trotzdem repräsentativem Anspruch.

 

Historismus umfasst die Epochen: Neo-Gotik, Louis-Philippe (Zweites Rokoko oder Neo-Rokoko), Gründerzeit (Neo-Renaissance)

 

Neo-Gotik (ca. 1830 – 1900)

  • Die Neo-Gotik ist die früheste Stilart des Historismus und orientiert sich stark an dem von der Romantik idealisierten Mittelalterbild.
  • Dabei griff man nicht nur auf neo-gotische Elemente zurück, sondern studierte sorgfältig mittelalterliche Bau- und Konstruktionspläne.   

 

Formensprache:  Wie schon in der Gotik, lehnt sich die Formensprache auch in der Neo-Gotik stark an die Architektur an. Vor allem die Möbel zeichnen sich u. a. durch ein reiches Schnitzwerk aus.

 

Charakteristische Stilelemente: Spitzbögen, Dienste, Rosetten, Wimperge, Rosetten, Fialen, Kreuzblumen, Krabben

Abbildungen: 158147, 16572-53

 

Louis-Philippe (Neo-Rokoko ca. 1840 – 1870)

  • Die Bezeichnung  Louis-Philippe bezieht sich auf die Regierungszeit des gleichnamigen zeitgenössischen Bürgerkönigs Louis-Philippe von Frankreich (1830 – 1848).

 

Formensprache: Auch der Stil Louis-Philippes zeigt eine stark historisierende Orientierung. Als Vorbild dienten Möbel aus der Gotik, der Renaissance und besonders aus dem Barock. Die geschwungene Linie dominiert.

 

Charakteristische Stilelemente: Eingelegte Plaketten aus Porzellan, schwere bronzene Appliken, Wiederverwendung der Rocaille

Abbildungen: 18888-882, 18888-1084, 18888-844, 18888-882, 18888-1084

 

Gründerzeit (Neo-Renaissance ca. 1871 – 1895) 

  • Die Gründerzeit wird initiiert durch die Gründung des Deutschen Reiches. Die Städte expandierten, die Industrie boomte und der Lebensstandard des Bürgertums stieg stetig an. Man besann sich auf nationale Werte und erinnerte sich gern an die eigene Geschichte zurück.

 

Formensprache: Stilelemente der Renaissance werden wieder aufgenommen, Inspiration holt man sich aus der Architektur.

 

Charakteristische  Stilelemente:

  • ausgeprägte Fassaden (Fassadenstil bei Möbeln) mit reichem, plastischen Schnitzwerk, häufig auch mit figürlichen Darstellungen aus Religion und Mythologie, Voll- und halbplastische Figuren ersetzen Säulen oder Pilaster  

Abbildungen: 166366 , 165836, 16038-1, 167220, 164782, 167574 

 

 

 

Jugendstil (ca. 1895 – 1920)

 

Namensgeber des Jugendstils in Deutschland ist die ab 1886 erschienene Münchener Grafikzeitschrift „Jugend“. Die stilprägendsten deutschen Zentren sind München und Darmstadt. Besondere Entfaltung erfährt der neue Stil (daher auch als „Art Noveau“ bezeichnet) in Frankreich und Belgien. Ziel der Bewegung im In- und Ausland war der Bruch mit der tradierten Kunst des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung neuer und moderner Formen, die für jedermann erschwinglich waren.

 

Formensprache: geschwungene unsymmetrische Linien, nach floralen Vorbildern. In der Spätphase des Jugendstils wird die Form wieder geradliniger und schlichter; florale Motive werden abstrakter und entfernen sich von dem natürlichen Vorbild

 

Charakteristische Stilelemente: Blumen, Ranken, Lianen, Lilien und Seerosen.


Abbildungen: 18888-963, 18888-341, 18888-1318, 18888-222, 18888-950

 

 

 

Art déco (ca. 1910 – 1940)

 

Art déco (französische Abkürzung für arts décoratifs = verzierende Künste) ist als Weiterentwicklung des Jugendstils zu verstehen. Die Quellen und Hauptmerkmale dieses Stils sind zahlreich und von Land zu Land unterschiedlich. Ein wichtiger Einfluss kommt von der Malerei der Avantgarde (u. a. Konstruktivismus, Fauvismus und Futurismus), die den Designern ein reiches Repertoire an abstrakten und vereinfachten Formen und Farbkombinationen liefern.  

 

Formensprache: Gleichzeitig mit dem dekorativen Art déco der 1920er Jahre gab es eine starke modernistische Richtung im Design, die durch die 1930er Jahre und darüberhinaus fortdauerte. Techniken, Formen und Themen exotischer Regionen, Kulturen und Traditionen werden geradezu eklektisch aufgenommen. 

 

Charakteristische Stilelemente:

 

  • Inspirationsquelle blieb weiterhin die Natur, allerdings werden Pflanzen- und Blumenmotive zunehmend formalisiert und abstrahiert dargestellt.
  • häufiges Motiv ist der stilisierte Sonnenaufgang oder die Darstellung von stilisierten Sonnenstrahlen
  • Ab Mitte der 1920er Jahre werden Maschinen- und industrielle Formen eine weiter Inspirationsquelle: geradlinige, bunte Kreise, Halbkreise, Quadrate
  • Allgegenwärtig sind Blitze oder Zickzackmotive (oft als Symbol für Elektrizität)
  • Ebenso populär ist der stilisierte Springbrunnen 

 

Abbildungen: 168198, 18202-2, 18432-3, 18359-7, 18261-2, 18888-1088

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